"Für mich sehr emotional"
Vertreter der Initiative Nordbremer Bürger gegen den Krieg sind der Ansicht, dass die deutsche Einheit falsch umgesetzt wurde. Foto: rdr
Artikel vom: 27.09.2026
Bremen-Nord – Anlässlich des Bürgerfests zum Tag der deutschen Einheit haben wir uns auf dem Grünmarkt in Vegesack umgehört, was die Nordbremer mit dem Feiertag verbinden und welche Erinnerungen sie an den Mauerfall haben: Große Veranstaltungen möchte Helga Schulz am Einheitswochenende nicht aufsuchen. „Wir feiern das zuhause mit einem traditionellen Essen.“ Den Moment des Mauerfalls fand sie sehr wohltuend. Sie erinnert an die etwa 4000 DDR-Flüchtlinge, die im September 1989 in der westdeutschen Botschaft in Prag festsaßen und auf Betreiben des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher ausreisen konnten. Natürlich habe es Schwierigkeiten gegeben, die beiden Landesteile zusammenzubekommen. Bremen habe sich bei der Einheitsfeier 2010 „etwas behäbig“ gezeigt.
Dr. Bernhard Hauke kann sich noch sehr gut an den Mauerfall erinnern. Er selbst ist Nachkriegs- und Flüchtlingskind aus Breslau und habe die Mauer stets als schmerzhaft empfunden. „Es war die totale Befreiung, als die Grenze auf war“, sagt der Vegesacker. „Wir sind damals nach Ratzeburg gefahren und haben es erlebt, wie uns Menschen im Trabi und mit Bier entgegenkamen.“ Eine regelrechte Verbrüderung sei das gewesen.
Auch Rainer Wendelken erinnert sich zuerst an die „Rennpappen“: „Wir waren damals mit einer Drei-Mann-Combo auf dem Weg zu einem Auftritt in Hannover. Auf der Autobahn kamen uns Massen an Trabis entgegen, die Leute hupten und winkten. Das war schon etwas Besonderes. Aber zwei souveräne Staaten wären vielleicht besser gewesen.“
Friedensaktivist Gerd-Rolf Rosenberger sieht in dem ganzen Vorgang eine „verlogene Heuchelei“: Man habe sich schon damals eine Konföderation beider Staaten mit einer neuen, gemeinsamen Verfassung gewünscht. Das habe das Grundgesetz in Artikel 146 so vorgesehen, welcher aber 1990 um den Halbsatz ergänzt wurde, dass es „nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk“ gelte. So sei die Situation umschifft worden, nach der Vereinigung eine neue Verfassung zur Volksabstimmung vorzulegen. Es sei beachtlich zu nennen, dass der Sozialismus sich überhaupt 40 Jahre halten konnte.
Walter Metag hat zu dieser Zeit in Westberlin gelebt: „Wir hatten einen sechsmonatigen Säugling und ich kann mich deshalb noch erinnern, wie mitten in der Nacht dort die Trabis am Knattern waren.“ Das Bürgerfest in Mitte ist „nicht so sein Programm“: 450000 Leute, das könne ja nicht entspannend sein.
„Da gehen wir ins Theater, zur Zauberflöte“, sagt Gerold Stührenberg. „Wir werden uns dann wohl auch ein bisschen umschauen dort.“ Weil die Feierlichkeiten immer im Bundesland ausgerichtet werden, das derzeit den Vorsitz im Bundesrat innehat, sei man nun einmal damit dran.
„Da sind wir nicht da, aber ich weiß davon“, sagt Bernd Keller über die Feierlichkeiten. „Für mich war es sehr emotional, auf dem Weg zur Arbeit sind mir Trabis in Kolonnen entgegengekommen.“ Früher habe man Pakete an Familienmitglieder in der DDR geschickt: „Das ging bis zur Maßlosigkeit, wir sollten ihnen sogar Lack für das Auto schicken, das war aber zu teuer. Dann natürlich Jeans und so weiter…“ Die Einheit der Bundesrepublik sieht er denn auch familiär: „Das war toll, dass die Brüder und Schwestern tatsächlich angekommen sind!“
Finn Kunoth hat zum Mauerfall „auf direktem Wege“ keinen Bezug, weil er dafür zu jung sei. Dann aber kommt es: „Ohne den Mauerfall hätten sich meine Eltern nie getroffen. Meine Mutter ist aus Bremen, mein Vater aus dem Osten. Er war damals bei der Bundeswehr in Schwanewede. Die beiden haben sich in der Disco in Ihlpohl getroffen, wo sie beide nicht unbedingt hinwollten, aber von ihren Freunden überredet wurden. Ich kann also sagen: Ohne den Mauerfall wäre ich heute gar nicht hier!“
Fatemeh Farnaz Hosseini, die aus dem Iran kommt und in Dresden studiert hat, bedeutet die deutsche Einheit persönlich viel. Es habe sie im Herzen gerührt und sei historisch etwas sehr Besonderes, dass sich in einem Jahrhundert der Spaltung ein solcher Moment des Zusammenwachsens ereignet habe. Das gebe ihr auch für das 21. Jahrhundert Hoffnung, dass es gelinge, die Spaltung zu überbrücken.
Kontaktpolizist Sven Dormann und seine Kolleginnen werden bei der Einheitsfeier dabei sein, allerdings im Dienst. „Über das Einsatzkonzept verraten wir nichts, aber es wird genug Polizei dort sein, und damit auch sehr sicher.“
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