Wenn Medikamente unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, verweist das auf ein Missbrauchspotenzial. Symbolfoto: fr
Artikel vom: 09.08.2026
Region (nik) – Bei Männern verdoppelt, bei Frauen mehr als vervierfacht: Seit 2020 geht die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen steil nach oben. Das zeigt eine Statistik des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung. Was aber könnten die Gründe dafür sein? Dr. Deniz Karagülle, Chefarzt im psychiatrischen Behandlungszentrum am Aumunder Heerweg, erklärt, dass ADHS durch ein hormonelles Ungleichgewicht verursacht wird, das durch einen Mangel an den Botenstoffen Dopamin und Noradrenalin gekennzeichnet ist. Das verursache die bekannten Symptome Unaufmerksamkeit, Impulsivität bis hin zu Hyperaktivität. Von dieser seien hauptsächlich Jugendliche betroffen, in späteren Jahren verschiebe sich die Symptomatik: „Das ist dann weniger das klassische Bild vom Zappelphilipp, sondern lässt sich eher als eine innere Unruhe beschreiben“, sagt Dr. Karagülle.
Stress durch Digitalisierung, Schlafmangel und entgrenzte Erreichbarkeit sei nicht unbedingt der klassischen ADHS zuzuordnen: Viel davon könne durch Änderungen im Verhalten bewältigt werden. Dass der Medienkonsum stark zugenommen habe, sei ein wesentlicher Faktor für das seelische und geistige Wohlbefinden. „Wie bei vielen psychischen Erkrankungen spricht man von einer multifaktoriellen Genese, die zu 70 bis 80 Prozent genetisch bedingt ist.“ Ein weiterer Faktor könne eine schwierige Schwangerschaft sein, wenn etwa die Mutter Nikotin oder Alkohol konsumiert habe. Umwelteinflüsse könnten bis zu 30 Prozent dazu beitragen.
Vor dem Hintergrund, dass genetisch bedingte Erkrankungen eine konstante Häufigkeit aufweisen, könnten schwerlich mehr als fünf Prozent der Bevölkerung betroffen sein. Daher sieht Dr. Karagülle die stark gestiegenen Diagnosezahlen als eine Art Angleichung und erwartet, dass sich der Anteil bei etwa vier Prozent stabilisiert. Auf die Frage, ob man es hier mit einer „Modediagnose“ zu tun habe: „Ich kann nicht für alle sprechen, aber wenn man es ausführlich macht, wird man das nicht häufiger diagnostizieren.“
Der erste Anlauf sollte nicht sein, mit der Selbsteinschätzung ins Haus zu fallen. Normalerweise schildere man seine Symptomatik dem Hausarzt, nach einer Überweisungkönne der Facharzt dann entscheiden, ob es die Diagnostik brauche. Manche könnten zu früh dazu neigen, sich auf ein Symptom zu fokussieren, um zu einer Diagnose zu gelangen. „Nehmen wir die innere Unruhe, die gibt es auch bei Depressionen, Angsterkrankungen und somatischen, also körperlichen Erkrankungen.“
Zu einer ausführlichen Diagnostik gehöre deshalb immer auch eine sogenannte biografische Anamnese. Dazu können etwa alte Schulzeugnisse herangezogen werden oder Einschätzungen von Eltern und Geschwistern. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass es im Jugendalter nicht schon Symptome gegeben habe. Es sei menschlich, eine Erklärung haben zu wollen. Manche Erklärungen seien sozial eher akzeptiert als andere, eine Depression wolle etwa niemand haben. Mit ADHS gehe man aktuell viel offener um.
Für die Pharmaindustrie ist das eine einträgliche Entwicklung. Das unter der Markenbezeichnung „Elvanse“ vertriebene Lisdexamphetamin gehöre zu den Stimulanzien: „Das Problem damit ist, dass die auch missbraucht werden können, daher unterliegen sie auch dem Betäubungsmittelgesetz.“ In den USA sei etwa unter Studenten der Gebrauch von Amphetamin, dort unter dem Markennamen „Adderall“ bekannt, weit verbreitet. Dafür, dass man sich schlicht besser konzentrieren wolle, sei das allerdings nicht hergestellt worden. Leicht zu recherchieren ist, dass das Amphetamin auf dem Schwarzmarkt unter Bezeichnungen wie „Speed“ oder „Pep“ in Pulverform verkauft und nasal konsumiert wird. Ebenfalls bekannt, aber eher selten thematisiert wird, dass Amphetamin im Zweiten Weltkrieg als „Panzerschokolade“ unter die Soldaten gebracht wurde. Ein Problem an diesen Stimulanzien sei der Gewöhnungseffekt, der durchaus in eine Abhängigkeit führen könne. Möglich sei aber auch, dass es sich mit dem Älterwerden einpendelt, die Symptome sich zurückbilden, sodass Betroffene die Mittel unter psychotherapeutischer Begleitung „ausschleichen“, also langsam absetzen können.
Verhaltenstherapie habe sich bewährt, verbunden etwa mit Sozialkompetenztraining. „Das hilft dabei, dass man das in den Griff kriegen kann.“ Ein modernes Hilfsmittel für Erwachsene könne auch „Neurofeedback“ sein: Ein Programm oder eine App, die als Medizinprodukt zugelassen ist, hilft dabei, eine Art Tagebuch darüber zu führen, wie man sich wann fühlt. Das könne bei der verhaltenstherapeutischen Behandlung unterstützen.
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