Von der Ermüdung der Welt
Dr. Marina Christodoulou freut sich, über das akademische Feld hinaus einen Nerv getroffen zu haben. Foto: nik
Artikel vom: 16.08.2026
Region (nik) – Eine lebendige Philosophie sucht und findet Antworten auf die drängenden Fragen ihrer Zeit: Das ist der Anspruch von Dr. Marina Christodoulou, die an der Constructor University lehrt. Ihr ist es gelungen, ein Konzept zu erarbeiten, über das in der internationalen Fachwelt derzeit rege diskutiert wird. Die „ontologische Erschöpfung“ zieht einen Unterschied zwischen „müde-sein“ (being-tired) und„müde-vom-Sein“ (tired-of-being): Sie beschreibt so eine allumfassende Erschöpfung, die nicht auf Einzelpersonen begrenzt sei, sondern allgemein zu spüren.
Nachdem sie das Konzept in einem ersten Artikel umrissen hatte, wurde sie von der philosophischen Fachzeitschrift Angelaki eingeladen, dem Thema als „Guest Editor“ eine ganze Ausgabe zu widmen. Ihre Anfrage an Fachkollegen, wer sich daran beteiligen wolle, habe über 150 Einsendungen erzielt. 14 Artikel bilden nun die Ausgabe, eine zweite ist bereits für 2027 geplant. So beleuchten verschiedene Autoren verschiedene Dimensionen der Erschöpfung: politisch, soziologisch, ökologisch, technologisch. Auch eine Erschöpfung der menschlichen Neugierde könne man beobachten.
Jemand habe ihr gesagt, der ganze Ansatz sei pessimistisch, aber sie findet, er sei getragen von der Hoffnung auf Veränderung: „Philosophie sollte politisch sein.“ Eine zentrale Botschaft für diese Zeit sei, dass „far right extremism“ keine Lösung sein könne. Dieser verfolge das Ziel, sich die Erschöpfung der Menschen in manipulativer Weise zunutze zu machen. Der historische Hintergrund ermögliche, das klar zu sehen und beim Namen zu nennen.
Sie selbst kommt aus Zypern, ihre Muttersprache ist Griechisch. Das habe sie dazu bewogen, die antike Philosophie zu studieren. Im akademischen Umfeld könne man manchmal enttäuscht von der theoretischen Trockenheit des Fachs sein. Oft habe sie gedacht: „Es liest ja niemand, was ich schreibe.“ Die große Resonanz habe sie daher sehr gefreut. Ihre Mühe habe sich bezahlt gemacht und sie erlebe ein Gefühl von großer Solidarität in der wissenschaftlichen Gemeinschaft und darüber hinaus: Menschen, die zu Verbündeten werden. Wir haben Dr. Christodoulou für ein ausführliches Gespräch getroffen.
Das BLV: Frau Christodoulou, fühlt es sich für eine Philosophin nicht erschöpfend an, immer erst Begriffe wie „ontologisch“ erklären zu müssen, um ein Argument verständlich zu machen?
Dr. Marina Christodoulou: Manchmal ist das Wort schwieriger als die Erfahrung, die es beschreibt. „Ontologisch“ bezieht sich schlicht auf das Sein: nicht nur was wir tun oder wie wir fühlen, sondern, wie wir in der Welt existieren. Sobald ich erkläre, dass ontologische Erschöpfung bedeutet, nicht nur im Leben ermüdet zu sein, sondern auch von der Mühe und den Lebensbedingungen, verstehen es die Meisten sofort.
Für mich bedeutet es kein störendes Hindernis, das Konzept zu erklären, denn das gehört zur Aufgabe der Philosophie. Sie sollte präzise Konzepte erarbeiten, diese aber auch auf die normale Erfahrung zurückführen, von der sie ja zuerst stammen. Ein Konzept versagt, wenn es nur unter Spezialisten zirkulieren kann und den Menschen nicht hilft, etwas in ihrem eigenen Leben zu erkennen.
Ein Konzept wie „müde-vom-Sein“ scheint intuitiv bei vielen Menschen Anklang zu finden. Wie haben Ihre Studenten darauf reagiert?
Was mich überrascht hat, war, wie schnell sie „müde-vom-Sein“ verstanden haben, schon bevor sie den philosophischen Begriff „ontologische Erschöpfung“ verstanden hatten. Viele haben es direkt mit dem Druck verbunden, ein kohärentes Selbst aufrechtzuerhalten: Wissen, wer sie sind, was sie wollen, auf welche Karriere sie hinarbeiten, wie sie auftreten sollten, und wie von ihnen erwartet wird, motiviert zu bleiben. Und mit dem Druck, dieses Leben zu führen, in dieser Existenz zu sein, vorstrukturierten Anforderungen zu entsprechen.
Die einen reagierten mit Erkenntnis, andere mit Unwohlsein. Einige fanden die Aussage fast zu intim, weil es etwas Stärkeres benennt als normale Müdigkeit. Aber dieses Unwohlsein war produktiv. Es erlaubt uns, zu unterscheiden zwischen dem Wunsch nach einer Pause vom Leben und ermüdet zu sein von der partikularen Form, die dem Leben eingeschrieben wurde.
Das Konzept hat so auch eine wichtige Diskussion über das Schamgefühl angeregt. Die Studenten interpretieren Erschöpfung oft als persönliche Schwäche: Vielleicht sind sie nicht diszipliniert, resilient oder ambitioniert genug. „Müde-vom-Sein“ dreht diese Fragestellung. Die Frage ist, ob das Problem immer beim Individuum liegt – oder ob die Rollen, Erwartungen und Zukünfte, die ihnen angeboten werden, selbst erschöpfend geworden sind.
Schließlich sollten wir uns empören, das ist eine gesunde Reaktion, es wird nur schädlich, wenn es dabei keine konstruktive Antwort und Veränderung gibt. Wut kann eine Energiequelle sein, sofern Menschen daran glauben, dass ihre Handlungen einen Unterschied machen. Das kann sich zur Empörung entwickeln, ein moralischer Impuls, der Protest, Widerstand und das Verlangen nach politischer Veränderung antreibt. Das ist der Geist hinter Stéphane Hessels einflussreichem Manifest „Empört euch!“, was Indignados-Bewegungen in vielen Ländern inspiriert hat. Doch wenn Ungerechtigkeit fortbesteht und wiederholte Anstrengungen nichts zu bewirken scheinen, kann sich Empörung graduell in Resignation wandeln. An diesem Punkt fühlen Menschen sich nicht bloß erschöpft, sondern gefangen in einer Situation, von der sie sich nicht mehr vorstellen können, sie zu ändern.
Das scheint ja weniger ein individuelles Problem zu sein, sondern eher von außen zu kommen. Kann man da eine Grenze ziehen?
Ich glaube nicht, dass es eine klare Linie gibt. Ontologische Erschöpfung entsteht in dem Verhältnis zwischen dem Individuum und der Welt. Die persönliche Geschichte, Temperament und psychologische Verletzlichkeit spielen eine Rolle, aber ebenso die Arbeit, wirtschaftliche Unsicherheit, soziale Erwartungen, politische Enttäuschung, digitale Beschleunigung, und ökologische Sorgen.
Die Welt kann die Person erschöpfen, aber die erschöpfte Person kann auch beginnen, sich selbst, ihre Beziehungen, andere Lebewesen, Institutionen und die Umwelt zu erschöpfen. Deshalb ist es ein reziproker Prozess zwischen inneren und äußeren Ökologien. Wir sollten es weder auf eine persönliche Störung reduzieren noch behaupten, dass Individuen nur passive Produkte der Gesellschaft wären.
Man würde denken, eine so große Unzufriedenheit mit dem Sein, müsse zu einer Form von Wut führen. Welche Perspektive bleibt, wenn man dafür schon zu müde ist? Hat das politische Implikationen?
Wut oder Empörung ist, wenn wir fühlen: „Dies ist falsch, und es muss sich ändern.“ Ontologische Erschöpfung beginnt, wenn eine Person sehen kann, dass etwas falsch ist, aber nicht länger glaubt, dass Protest, Wahlen oder kollektive Aktion daran etwas ändern können. Die Empörung verschwindet nicht notwendigerweise, sie wird zu ermüdeter Empörung - ein stilleres, schwereres Bewusstsein von Ungerechtigkeit ohne die Energie oder Sicherheit, die zum Widerstand erforderlich sind. Was bleibt, ist eine schwache „ethische Erinnerung“: Man erinnert, dass es einem wichtig war und verweigert sich vielleicht innerlich, die Welt zu akzeptieren, wie sie ist. In meinem Artikel ist diese Restempörung nicht bedeutungslos. Es bleibt ein fragiler Impuls des Widerstands und möglicherweise der Beginn einer anderen Form von Aktion.
Die politischen Implikationen sind bedeutungsvoll. Erschöpfte Menschen könnten sich zurückziehen, die Institutionen aufgeben oder oder reaktionären und extremistischen Versprechen anheimfallen. Eine Politik, die einfache Feindbilder und Sicherheiten anbietet, kann attraktiv erscheinen, wenn Menschen das Vertrauen in demokratischen Wandel verlieren. Ontologische Erschöpfung ist somit politisch in einem breiten Sinn: Sie betrifft unsere Fähigkeit, zu bewerten, zu entscheiden, zu hoffen und gemeinsam zu handeln.
Zur Erklärung trägt das Konzept sehr weit. Aber wo kann es hinführen? Gibt es Wege, vom Wissen zum Handeln zu kommen? Was können wir ändern, individuell und als Gesellschaft?
Das Konzept sollte erstmal als Sprache zum Wiedererkennen funktionieren, nicht als weitere Diagnose oder Etikett der Schwäche. Es erlaubt, das zu erkennen und zu sagen: „Ich bin nicht nur müde, weil ich zu viel getan habe. Ich kann auch müde sein, weil Bedeutung, Wirksamkeit und Zukunft blockiert sind.“ Das zu benennen, kann Scham reduzieren und den Unterschied von physischer Müdigkeit, Burnout und klinischen Situationen zu existentieller Erschöpfung verdeutlichen. Das Leben in unserer Zeit setzt Menschen unter konstanten Druck, produktiv, verfügbar und in kontinuierlicher Selbstoptimierung zu bleiben. Dieser Druck wird intensiviert durch Unsicherheit rund um Beschäftigung, Wohnen und die Zukunft, wie auch der Beschleunigung des digitalen Lebens. Soziale Medien ermöglichen dauernde Vergleiche, während künstliche Intelligenz weiteren Bedarf nach Schnelligkeit anmeldet, wodurch selbst das Denken und die Kreativität wirken, als müssten sie effizienter werden.
Dann gibt es die politische Dimension der Erschöpfung: Krisen scheinen sich zu vervielfachen, während zugleich das Vertrauen in Institutionen schwächer wird. Zur selben Zeit drückt sich ökologische Erschöpfung in der From aus, dass der Planet selbst beschädigt und über sein Limit hinaus erschöpft wurde. Die ontologische Erschöpfung kann somit nicht als psychologisches Privatproblem behandelt werden. Sie wird erzeugt und ist Teil der Rhythmen und Strukturen der heutigen Gesellschaft.
Individuell brauchen Menschen wohl Ruhe, medizinische Unterstützung, Grenzen der Verfügbarkeit, unterstützende Beziehungen, und die Erlaubnis, sich zeitweise zurückzuziehen, ohne dass dieser Rückzug als Versagen gesehen wird. Aber Aktivisten und politisch Engagierte brauchen auch den Beweis, dass ihr Handeln zu einer möglichen Zukunft beiträgt. Dafür brauchen sie geteilte Verantwortung, realistische Ziele, Raum für Trauer, Schutz vor permanenter Erregung und das Recht, auch ohne Scham aufgeben zu können. Politische Gemeinschaften sollten aufhören, Selbstaufopferung zu glorifizieren. Eine Bewegung, die das emotionale Leben ihrer engagiertesten Mitglieder auffrisst, reproduziert die Gewalt, gegen die sie sich stellt. Sorge ist da nicht sekundär, sie ist eine Voraussetzung, fortgesetzte politische Aktion möglich zu machen.
Auf gesellschaftlicher Ebene brauchen wir weniger erschöpfende Lebensweisen: größere Sicherheit beim Arbeiten und Wohnen, gesündere Rhythmen, Beschränkung der digitalen Erreichbarkeit, stärkere öffentliche Institutionen, ökologische Verantwortung und Formen der Bildung und politischen Beteiligung, die das Gefühl wiederherstellen, dass Handeln einen Unterschied macht. Erschöpfung könnte eine Schwelle sein, weil sie deutlich macht, dass eine ererbte Lebensweise nicht länger so fortgeführt werden kann. Aber ein Neubeginn kann nicht von bereits isolierten und ausgebrannten Menschen erwartet werden. Er muss gesellschaftlich und politisch kollektiv unterstützt werden. Erschöpfung ist nicht nur Kollaps, sondern kann auch eine Klärung sein, in der neue Beziehungen, Rhythmen und Lebensweisen hervortreten können.
Frau Christodoulou, vielen Dank für dieses Gespräch!
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