„Aus vorgeschobenen Gründen“

Nordbremer Autorin Fatemeh Farnaz Hosseini spricht über die Lage im Iran

Fatemeh Farnaz Hosseini ist Künstlerin, Autorin und Übersetzerin. Im Iran hat sie als Lehrerin gearbeitet.   Foto: nik

Artikel vom: 04.05.2026

Bremen-Nord – (nik) Fatemeh  Farnaz Hosseini ist Autorin und Künstlerin und lebt in Detschland seit 2020. Aufgrund der neuen akademischen Stelle ihres Mannes ist sie mit ihrer Familie direkt vom Iran nach St. Magnus gezogen. Im Interview spricht sie über die Geschichte und aktuelle Situation der Menschen im Iran.

Das BLV: Frau Hosseini, Sie stammen ursprünglich aus dem Iran. Das Land wird seit bald zwei Monaten von den USA und Israel angegriffen. Haben Sie Kontakt zu den Menschen dort?

Fatemeh Farnaz Hosseini:  Ja, in den ersten zwei bis drei Wochen des Krieges war es nicht einfach, mit Familie und Freunde in Kontakt zu bleiben. Internetanrufe und Ferngespräche waren nicht möglich. Wir brauchten einige der wenigen iranischen Messenger-Apps, um sie anrufen zu können, was nicht immer klappte. Inzwischen wurden einige Einschränkungen aufgehoben, und wir sind nicht mehr im Dunkeln gelassen. Ich hatte 30 Tage keinen Kontakt zu meinem neunjährigen Neffen, was ganz ungewöhnlich ist. Als wir dann telefonierten, erzählte er, was er gesehen hatte:  die schreckliche Explosion, die er über sich am Himmel von Karadsch gesehen hatte. Ein angreifender Kampfjet hatte eine Rakete abgefangen, die von der iranischen Luftabwehr abgefeuert worden war, und es kam zu einer heftigen Explosion am Himmel. Er beschrieb die Explosion und ihre Farben so detailliert, dass deutlich wurde, wie sehr dieser Anblick ihn verängstigt hatte. Mich hat das an einen Albtraum erinnert, den ich vor einigen Jahren hatte. Denn natürlich habe ich schon länger solche Befürchtungen.

Als Autorin haben Sie auch schon über das Leben im Iran geschrieben. Man bekam den Eindruck, dass wir in Deutschland viel zu wenig darüber wissen. Wir haben vor zwei Jahren viel über die Bewegung „Frauen, Leben, Freiheit“ gehört. Was ist davon geblieben?

Ich würde die Frage umformulieren: Sprechen wir darüber, was erreicht wurde und wie es weitergeht. Etwa ein Jahr nach der Revolution von 1979 begann die Auferlegung des Kopftuchs für Frauen. Doch von Anfang an begann auch der Widerstand der Frauen gegenüber dem verpflichtenden Hijab. Daher hat das, was als „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung bekannt ist, eine etwa 45-jährige Vorgeschichte. Tatsächlich kann man die Bewegung mit dem Ausbruch eines aktiven und lange brodelnden Vulkans vergleichen. Im Iran stehen Frauen derzeit in öffentlichen Räumen nicht mehr so stark unter Druck, ihr Haar zu bedecken oder ihre Kleidung in einer bestimmten Weise zu wählen; diese Lockerung gilt jedoch noch nicht für Universitäten, Schulen und staatliche Behörden. Mein persönlicher Eindruck ist, dass – auch wenn aufgrund der kriegsähnlichen Lage  die Aktivitäten von Frauen für Gleichberechtigung derzeit weniger sichtbar sein mögen – viele Frauen ihren Schwerpunkt im Moment auf „Leben“ und „Freiheit“ gelegt haben; Zahlreiche aktive Frauen der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung sind sowohl entschiedene Gegnerinnen militärischer Angriffe der USA und Israels auf den Iran als auch Kritikerinnen faschistoider Verhaltensweisen monarchistischer Gruppen und deren rechtsextremer Ideologien.  Die Aktivistinnen dieser Bewegung sind auch eine mutige Antikriegskraft, die Kriegstreiber von allen Seiten kritisiert und ihnen Widerstand leistet.

In den Medien ist immer pauschal vom „Mullah-Regime“ die Rede. Der Iran selbst versteht sich als Republik. Wie bewerten Sie den Staat und die Zusammenhänge, die 1979 zur Revolution geführt haben?

Das „Mullah-Regime“ ist eine grobe Vereinfachung mit verheerenden Folgen. Irans Regierungsstruktur ist zwar eine Republik, aber wie Macht ausgeübt und verteilt wird, ist nicht demokratisch. Die Menschen wählen die Abgeordneten des Parlaments, sowie den Präsidenten in direkter Wahl. Allerdings müssen die Kandidaten, zuvor von einem Gremium geprüft und zugelassen werden. In der Praxis jedoch ist es der oberste Führer, der über die meisten Machtbefugnisse und den größten Einfluss verfügt.

Was ist Ihre Sicht auf den Konflikt und wie hätte er vermieden werden können?

Der Iran hat sich daran gewöhnt, aus vorgeschobenen Gründen und aufgrund seiner geografischen Lage angegriffen zu werden. Meiner Ansicht nach zeigen die historischen Belege und die geografische Lage Irans, dass Menschenrechte, Atomwaffen und Demokratie lediglich als falsche Vorwände für einen Angriff auf den Iran dienen. Im Ersten Weltkrieg wurde Iran trotz seiner erklärten Neutralität von Großmächten besetzt. Ausschlaggebend war seine strategische Lage zwischen Russland, dem Osmanischen Reich und Großbritannien. Im Zweiten Weltkrieg wurde Iran erneut trotz seiner Neutralität besetzt, diesmal hauptsächlich durch Großbritannien und die Sowjetunion. 1980 griff der Irak den Iran an, und während des achtjährigen Krieges unterstützten die USA und europäische Staaten den Aggressor. Aktuell interpretiere ich es so, dass der Iran als leichte Beute gesehen wurde: man ging davon aus, dass die Entfernung des obersten Führers den Sturz des Regimes bedeuten würde. Dieser Krieg wird, wie jeder andere Krieg, und ebenso wie die Sanktionen der letzten zwei Jahrzehnte, keines der Probleme der Menschen im Iran lösen, sondern sie nur weiter verschärfen und ihre Lebensbedingungen erschweren. Außerdem wird er die Möglichkeiten für friedliche, gewaltfreie und zivilgesellschaftliche Reformen verringern. Die Frage, wie dieser Krieg hätte verhindert werden können, ist eine, die man dem Aggressor stellen muss. Ich habe Ihnen die Lage skizziert; wahrscheinlich können Sie selbst nachvollziehen, wie man von Anfang an hätte verhindern können, dass dieser Krieg und der Tod so vieler Zivilisten, darunter 168 Grundschüler, überhaupt geschieht.

Frau Hosseini, vielen Dank für dieses Gespräch!


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