„Damals wurde meine ganze Welt auf den Kopf gestellt“

Bürgermeisterin Susanne Geils geht in den Ruhestand und blickt zurück

Dieses Foto entstand bei Susanne Geils letzter Kandidatur. Dass sie nach der Amtszeit in den Ruhestand gehen wollte, wusste sie da schon. FOTO: NAD

Artikel vom: 27.10.2021

Ritterhude – (NAD) „Ich glaube, ich bin heute nicht mehr die, die ich vor 15 Jahren war“, sagt Susanne Geils. Damals wurde sie Bürgermeisterin der Gemeinde Ritterhude. Am kommenden Freitag hat sie ihren letzten Arbeitstag. Dann verabschiedet sich die 63-Jährige in den Ruhestand.
„Ich bin sehr mit den Aufgaben gewachsen. Heute passen mir die Schuhe deutlich besser, als vor 15 Jahren“, sagt Susanne Geils und schmunzelt. Sie sitzt am Besprechungstisch in ihrem Büro, in dem sie in den vergangenen Jahren einen Großteil ihrer Zeit verbracht hat. Auf die Idee, Bürgermeisterin zu werden, ist sie selbst nicht gekommen. Sie ist in die Politik gegangen, um mitzugestalten. „Frauen haben andere Sichtweisen. Das Miteinander ist wichtig“, findet sie. Früher habe sie sich sehr für die Umwelt interessiert. „Anfang der 1980er Jahre habe ich auf meinem Auto einen großen Aufkleber ,Atomkraft? Nein danke‘ gehabt“, erinnert sie sich zurück. Zur selben Zeit habe sie sich auch mit Gleichstellungsthemen befasst und sich damit beschäftigt, dass Frauen den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit erhalten. Zudem engagierte sie sich in der Friedenspolitik und besuchte die Maidemo.
2001 zog sie in den Gemeinderat ein. Ein Jahr später fragte man sie, ob sie sich vorstellen könne, als Bürgermeisterin zu kandidieren. „Das konnte ich nicht“, erzählt Susanne Geils. „Ich kam weder aus der Verwaltung oder Wirtschaft noch war ich Juristin“, sagt sie. Sie kam aus dem medizinischen Bereich. Sie hatte aber noch vier Jahre Zeit, bis die nächsten Wahlen anstanden. „Wenn jemand was in mir sieht und mir das zutraut, sollte ich mir Gedanken machen“, entschied sie. Sie nutzte die Jahre, um viele Fortbildungen zu machen, unter anderem zu Themen wie Bauleitplanung oder Mitarbeiterführung sowie andere, die sie auf das Amt vorbereiten sollten. „Und dann wollte ich es auch werden!“ Dafür hätte sie alles getan, sei unter anderem von Haus zu Haus gegangen. 2006 wurde sie schließlich zur Bürgermeisterin gewählt.
„Die ersten Tage bin ich mit klopfendem Herzen zur Arbeit gegangen“, erinnert Susanne Geils sich zurück. „Für mich war das noch nicht so vorstellbar und fassbar.“ Sie hätte so viel Neues erfahren und hätte ihrem Mann nach dem Arbeitstag immer gesagt, dass alles so spannend sei. Alles, was über ihren Tisch ging, wollte sie genau verstehen. Sie hat sich die Texte laut vorgelesen, Stellen markiert und sich Fragen aufgeschrieben. „Ich habe mich nie überfordert gefühlt“, stellt sie fest. Wenn sie etwas nicht verstand, habe sie immer gefragt. „Die Arbeit ist unglaublich vielfältig und es gibt immer neue Herausforderungen“, schwärmt Susanne Geils. „Ich liebe den ständigen Wandel. Darin gehe ich total auf.“
Sie ist unter anderem dankbar für die vielen schönen Momente mit den Vertretern der Partnerstädte in Polen, Frankreich und Brandenburg. Es seien Freundschaften entstanden. Wenn politische Themen aufgekommen sind, wie die Bewegung gegen Homosexuelle in Polen, habe sich ihre Partnerstadt gemeldet und sich von den Äußerungen distanziert. Als die Ahr in diesem Jahr überflutete, meldeten sich die Franzosen und zeigten ihre Anteilnahme. „Die Begegnungen waren immer eine Bereicherung“, findet Susanne Geils.
Ein Erlebnis in ihrer Amtszeit habe sie aber auch noch nachträglich sehr geprägt: Im September 2014 explodierte die Chemifabrik Organo Fluid. „Damals wurde meine ganze Welt auf den Kopf gestellt“, sagt sie. „Die Anwohner hatten sich immer gesorgt, aber keiner hat geglaubt, dass da wirklich etwas passiert.“ Die Hilfsbereitschaft sei damals groß gewesen. Für Susanne Geils hatte sich das Leben von einer zur anderen Sekunde geändert. Es habe ihr ein Stück ihrer Sicherheit genommen. Seitdem habe sie zudem immer noch genauer bei Vorhaben nachgefragt, was es für Konsequenzen geben könne.
Mit ihrem Nachfolger habe sie bereits 20 Jahre zusammen gearbeitet. Fünf Jahre davon sei er Fraktionsvorsitzender und sie Stellvertreterin gewesen. Sie und Jürgen Kuck hätten die gleichen Werte. Für Susanne Geils seien ihre Mitarbeiter immer an erster Stelle gewesen. „Jeder ist wichtig. Wir brauchen nicht nur Führungskräfte“, sagt sie. Sie weiß, dass das bei Jürgen Kuck auch so sein werde. Ihre Arbeit als Bürgermeisterin werde sie aber nicht vermissen. Für Susanne Geils sei von Anfang an klar gewesen, dass sie zu diesem Zeitpunkt aufhören und nicht erneut kandidieren würde. Sie habe ihren Job gerne gemacht, freue sich aber auf den neuen Lebensabschnitt, in dem sie viel Zeit mit ihrem Mann verbringen werde.


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