Freiheit im Denken und Engagement
Pastorin Katharina Falkenhagen Foto: as
Artikel vom: 30.11.-0001
St. Magnus – (as) Katharina Falkenhagen, seit über 30 Jahren Pastorin, davon rund drei in der Kirchengemeinde St. Magni, wurde 1966 in Frankfurt/Oder geboren. „Ich bin an der polnischen Grenze groß geworden“, sagt sie. Auf der anderen Seite sei Berlin nicht weit weg gewesen. Auf dem Weg dorthin habe sie um Westberlin herumfahren müssen. 1986 hat sie in Berlin begonnen, Theologie zu studieren und In der Wendezeit eine Familie gegründet; es sei üblich gewesen, mit Kind zu studieren oder zu arbeiten. „Das waren prägende Jahre!“
Mit der Wende verbinde sie das starke Gefühl „Jetzt ist alles möglich!“. Für sie sei das jedoch nicht in erster Linie gewesen, zu reisen, „sondern Freiheit zu haben im Denken, wie im Engagement“, wie sie es auch in ihrer Wahlheimat Bremen schätzt.
„Wir hatten für eine kurze Zeit das Gefühl, alles ist möglich. Es gab eine gewisse Gesetzlosigkeit. Doch das wandelte sich schnell, weil die Strukturen umgeformt wurden“, sagt sie. Die DDR sei so umgewandelt worden, dass sie kompatibel zur Bundesrepublik wurde, beispielsweise in der Politik oder der Wirtschaft. Das sei eine Sache mit zwei Seiten gewesen: einerseits eine große Chance, andererseits die unglaubliche Herausforderung, dass sich Menschen auf ein neues System einstellen mussten. Das sei jüngeren Menschen leichter gefallen. „Ich glaube, für Ältere war das schwieriger.“ Doch es habe viele Leute gegeben, die die Chance wahrgenommen hätten. So seien viele junge Frauen in den Westen gegangen, was wiederum gerade in ländlichen Gebieten zu Frauenmangel geführt habe.
Da sie vorher in kirchlichen Strukturen gelebt habe, sei sie „demokratietrainierter“ gewesen, erinnert sich die Pastorin. Es habe vielfältige Kontakte zwischen der West- und Ostkirche, Besuche und Brieffreundschaften, gegeben. „Wir lebten schon im Bewusstsein einer deutschen Identität.“ Im Briefaustausch mit ihrer Freundin Susanne aus Saarbrücken, den sie kürzlich noch einmal gelesen hat, habe sie damals formuliert, wie schön es wäre, eine neue Form von Gemeinschaft zu suchen, Dinge auf den Prüfstand zu stellen und neu zu denken. „Es war jedoch schnell klar: Das passiert nicht.“ Stattdessen erlebte sie das „schnelle Überschwappen von Wohlstand und Fülle“.
„Alles hatte zwei Seiten.“ Die Ostdeutschen hätten viel mehr – und nicht nur Äußerliches – lernen müssen. Es habe veränderte Bedingungen bei der Arbeit, im Berufsalltag gegeben, man musste sich um Versicherungen kümmern und darum, alles Mögliche zu beantragen. „Das war man nicht gewohnt.“ Da habe man in der DDR ein gutes Leben gehabt: Beruf und Kindererziehung sei geregelt, betrieblich sei man angebunden gewesen. „Biografien, in denen man das Leben selbst sortiert, gab es eigentlich nicht. So war es für viele ein schneller, großer Bruch.“
„Ich habe eine Ostidentität und bin unglaublich dankbar für die Wende. Ich hätte in der DDR nicht weiterleben wollen“, sagt Katharina Falkenhagen. „Die Nostalgie kann ich einerseits verstehen. Auf der anderen Seite hatte die DDR-Idylle einen hohen Preis.“ Man sei in das diktatorische System eingebunden gewesen, schon von den Pionieren an. Die Pastorin erinnert an die Überwachung, die Stasi. „Das ist ein hoher Preis für vermeintliche Sicherheit.“ Insgesamt betrachtet könne man für die Wende dankbar sein, auch dafür, dass sie so gewaltlos gewesen sei.
Sie selbst war 1989 nach einem Jahr Babypause gerade wieder ins Studium eingestiegen. Sie erinnere sich, in der Gethsemane-Kirche, Bezirk Pankow, gewesen zu sein. Die Situation sei angespannt gewesen, es seien viele Menschen verhaftet worden.
An den Abend des Mauerfalls erinnere sie sich nicht, jedoch hätten ihre Eltern oft erzählt, sie seien auf einer Betriebsfeier gewesen. „Plötzlich schmissen alle ihre Bestecke hin und meinten, sie müssten sofort nach Berlin fahren.“ Danach habe es einige Tatkräftige gegeben und andere, die sich ihr Leben nicht neu ausdenken wollten. „Deshalb muss man aber nicht die AfD wählen.“
Straßen und Häuser seien schön hergerichtet worden, da sei viel Geld in die Hand genommen worden, gibt sie zu bedenken. „Es gab Schattenseiten, aber man muss auch sehen, was es Gutes mit sich gebracht hat.“
Übrigens: Am 1. Oktober ist Pastorin Katharina Falkenhagen mit ihrer Saarbrückener Freundin zum Thema beim ARD-Mittagsmagazin eingeladen, das zwischen 13 und 14 Uhr angeschaut werden kann. Zudem ist sie bei MDR-Um-Vier gegen 16.30 Uhr noch einmal zu sehen.
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