Unsichtbar, aber real

56 Prozent kennen soziale Isolation / Professorin der Constructor Uni äußert sich

Seit 2022 arbeitet die Bundesregierung an einer Strategie gegen Einsamkeit. Bremen hat keine eigene, obwohl mehr als jeder zweite Einsamkeit kennt.  Symbolfoto: fr

Artikel vom: 01.11.2025

Region – (pb) Einsamkeit ist längst kein Randphänomen mehr, sondern ein still wachsendes Problem mitten in der Stadt. Die Gründe sind vielfältig, doch gerade die Folgen der Pandemie und die soziale Isolation, machen sich laut des Einsamkeitsreports der Techniker Krankenkasse bemerkbar.

„Wichtig ist, dass allein sein und Einsamkeit etwas völlig anderes ist“, erklärt Sonia Lippke, Professorin für Gesundheitsförderung und Prävention an der Constructor University. „Alleinsein ist ein völlig neutraler Zustand, während Einsamkeit geprägt ist durch einen Änderungsdruck“, so Sonia Lippke.

Einsamkeit gehe nicht nur mit einer objektiven sozialen Isolation einher, sondern auch mit dem Gefühl: „Hier stimmt etwas nicht.“

Zudem zeige sich Einsamkeit auch physiologisch. „Einsamkeit wirkt aufs Gehirn“, erklärt Sonia Lippke. „Wir wissen aus der Forschung, dass Einsamkeit in denselben Regionen verarbeitet wird wie Schmerz – und so kann es zu Veränderungen kommen“, so die Professorin weiter.

Der Einsamkeitsreport aus dem vergangenen Dezember zeigt, wie breit das Problem inzwischen wirkt. So empfinden 56 Prozent der Menschen in den norddeutschen Bundesländern Einsamkeit in unterschiedlicher Ausprägung. Seit 2022 beschäftigt sich auch die Bundesregierung politisch mit dem Thema. Ein eigenes Ministerium zur Bekämpfung, wie es im Vereinigten Königreich existiert, gibt es zwar nicht, wohl aber eine nationale Strategie. Darin werden bestehende Angebote gebündelt und systematisch aufgeführt. Eine von Bremen selbst entwickelte Strategie existiert hingegen nicht, erklärt Nina Willborn, Sprecherin der Sozialsenatorin Claudia Schilling. Auch eine zentrale Ansprechperson fehlt – und ist, wie aus einer Senatsantwort auf eine Anfrage der CDU hervorgeht, „nicht vorgesehen“. Stattdessen begreife der Senat Einsamkeit als sozialpolitisches Querschnittsthema, so Nina Willborn.

Im Sozialressort sind beispielsweise Tagestreffpunkte für Wohnungslose, Mütterzentren oder Orte der offenen Kinder- und Jugendarbeit angesiedelt. Im Gesundheits-, Kinder- und Sportressort werden zudem weitere Maßnahmen umgesetzt – auch wenn nicht immer explizit das Etikett „Einsamkeitsbekämpfung“ daran hängt. 

Nina Willborn betont außerdem, dass das Kompetenznetz Einsamkeit „gemessen am Bevölkerungsanteil dem Land Bremen eine überdurchschnittliche Aktivität bei der Bekämpfung bestätigt.“

Kritik kommt dennoch aus der Bremer Opposition. „Bremen braucht endlich eine eigene Strategie gegen Einsamkeit. Während andere Bundesländer längst handeln – in Nordrhein-Westfalen hat Ministerpräsident Hendrik Wüst das Thema zur Chefsache gemacht –, bleibt Bremen untätig“, erklärt Sigrid Grönert, sozialpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion. Der Bremer Senat unterschätze die Bedeutung des Themas und lasse es liegen, so Sigrid Grönert weiter. Die CDU fordert unter anderem die Erhebung aktueller Daten sowie eine gezielte Ursachenforschung, um das Problem wirksamer bekämpfen zu können.

Doch auch jeder Einzelne könne etwas gegen Einsamkeit tun, erklärt Sonja Lippke. „Es gibt viele Möglichkeiten – von kognitiven Maßnahmen, also dem Bewusstmachen der eigenen Einsamkeit, bis hin dazu, aktiv auf andere Menschen zuzugehen und vielleicht auch ihnen aus der Einsamkeit zu helfen.“


Weitere interessante Artikel

Kompetenzen für die Zukunft

Grohn – (nik) Zu allen Zeiten mag für junge Menschen ungewiss gewesen sein, was die Zukunft bringt. Immer drängender stellt sich heutzutage aber die Frage, welche Fähigkeiten sie ...

Weniger Straftaten laut Statistik

Bremen-Nord – (as) Die Straftaten sind zurückgegangen. Dennoch kann sich die Polizei in Bremen-Nord nicht entspannt zurücklehnen. „Wir knacken jedes Jahr neue Rekorde. Konflikte ...

Fortschritte im Bäderkonzept

Bremen-Nord – (th) Ein Bündel von Fragen gab es zu klären auf dem Regionalausschuss Bremen-Nord. Auf der Tagesordnung stand das Thema Bäderkonzept 2035. Um den Mitgliedern des ...

„Was bleibt, ist der Wandel“

Grohn – (nik) Ein „Open Campus Day“ an der Constructor University bildete den Höhepunkt des Jubiläumsjahrs: Vor 25 Jahren wurde im Beisein von Altkanzler Helmut Schmidt ...

„Ich muss beweisen, was ich habe“

Bremen-Nord –  (rdr) Bärbel Möller (Name von der Redaktion geändert) leidet seit Jahren unter starken Schmerzen. Ich habe lange versucht, das zu ignorieren. Irgendwann ...

Kultur wird erlebbar

Bremen-Nord – (rdr) In diesem Jahr wird der Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 13. September, begangen. In Bremen-Nord sind dann der Museumshaven, Schiffe, Kirchen, Herrenhäuser, Parks, ...

Himmelsstürmer über Lemwerder

Lemwerder - Beim Drachenfest vom 28. bis 30. August wird nicht nur der Himmel bunt: Mit freiem Eintritt und großem Musik- und Kinderangebot wird ganz Nordwestdeutschland zum Feiern, Spielen und ...

Von der Ermüdung der Welt

Region (nik) – Eine lebendige Philosophie sucht und findet Antworten auf die drängenden Fragen ihrer Zeit: Das ist der Anspruch von Dr. Marina Christodoulou, die an der Constructor ...

Kritik an gestrichener Flugverbindung

Bremen-Nord – Die Lufthansa hat bekanntlich ab Juli 2026 alle mehr als 25 Flüge pro Woche von Bremen nach Frankfurt gestrichen. Auch den Wirtschafts- und Strukturrat Bremen-Nord (WIR) ...